Berichte vom Faschingsumzug

Kleine und große Karnevalisten heizten der großen Zuschauermenge so richtig ein

Mittwoch, 17. Februar 2010


Es ging heiß her beim Fasnetsumzug, sodass nur wenige kalte Füße bekamen. Venezianische Gestalten machten die Innenstadt ebenso unsicher wie die Scheichs aus Weiler el Sheik und die vielen kleinen und großen Teufel.
SCHWÄBISCH GMÜND (nb/rw). Wer Italien und Fasching hört, denkt unwillkürlich an Venedig. Schließlich ist der venezianische Fasching, der sich durch die Gässchen der Hauptstadt der Region Venetien schlängelt, einer der bekanntesten auf der Welt. Carnevale di Schwäbisch Gmünd wurde gestern entlang den Straßen der Innenstadt gefeiert, als Comunita Italiana ihrem Motto „Fasching all ‘Italiana“ entsprechend farbenprächtige, venezianische Kostüme und die berühmten Masken präsentierten. Auf Venedig folgte Berlin, oder vielmehr eine Erinnerung an die Zeit, in der es in der deutschen Hauptstadt noch eine Loveparade gab. „In Berlin gibt’s koi Loveparade mehr, drom holat mir’s noch Gmend jetzt her“, dachten sich die Alda Lenda aus Donzdorf und ließen mit grellen Kostümen und lauter Musik ihren Worten Taten folgen.
Die freundlich dreinschauenden Schneemänner des Sängerkranz Zimmern passten irgendwie ins Bild, schließlich kann sich unsereins über zu wenig Schnee derzeit nicht beklagen. Eine nicht allzu lange Anreise hatten auch die Gäste aus Weiler, allen voran marschierten die Guggenmusikgruppe Omsnomgugga und die Garde des Turnvereins.
Dem Großen Bergochs folgten die auf Ölfässern schwebenden Scheichs, die ihre Ankündigung vom Weilermer Umzug bekräftigten. So hieß es auch gestern: „OB Arnold, jetzt wird’s besser, mir brenget’s Geld en de Fässer.“ Für die Zuschauer gab es frisch gedruckte Gees-Dollar von der Centralbank of Weiler el Sheik. Klar, dass gestern auch gehext wurde - zu Gast waren die NZ Kolba-Hexa Baltmannsweiler und die Burgstuhl-Hexen aus Göggingen in Begleitung der Geslach-Gugga. Für große Augen unter den kleinen Gästen sorgten die Mickey Mäuse des Ski-Club Großdeinbach, die den Birkenschnalzer Gugga aus Bartholomä hinterherwatschelten.
„Isch des schon dr lädschda gwä?“, fragte die Zuschauerin mit leisem Zweifel. I wo, es tat sich nur eine Lücke auf. Die AG Gmender Fasnet hörte man schon von weitem rhythmisch antuckern. Der Sound kam aus dem Auspuff eines Rasenmäher-Kleintraktors. Der ganze Hofstaat paradierte an, vorneweg die Stöpselgarde, die Tanzteufel und die Gmender Hüpfer. „Das ist ja fast Formel 1“, staunte einer, als der Traktor die Kurve am Zeiselberg nahm. Und Fasnet-Präsident Albert Scherrenbacher wetzte hinterher, gleichzeitig angefeuert mit „Albert, Albert“-Rufen und gebremst von Warnungen: „Langsam do!“ Denn schon kam der mit rotweißen Nelkensträußen geschmückte Prunkwagen mit dem Prinzenpaar Birgit I. und Christian I. Der Hofstaat verteilte reichlich Süßes von oben herab. „Hella hella Gamundia“, schallte es zurück.
Die Wasserschlangen vom Oberlauf der Rems zogen hinterher, die Remstalgugga Bäbenga. Die Oberburghexen aus Essingen ließen Konfetti regnen. Heiß ging es auf dem Jugendhaus-Wagen zu: „Zona caliente“ mit Kakteen. Der Sombrero war nicht überflüssig. Die Musketiere vom Schurrenhof ritten teils auf den Islandponys, teils kamen sie zu Fuß. Aber immer schmuck im bordeauxroten Wams mit der silbernen Lilie. Und ganz hinten noch ein Spanferkel aus Pappmaché auf dem Leiterwagen. Noch mehr Hexen flogen aus Ottenbach an, die markanten Kromm-Hexa. Sie ließen Schaulustige Seilhüpfen. Trompetenbetont die Überdruck-Guggen aus Wetzgau, allesamt im lila Joker-Kostüm - wo blieb Batman? „Raza ahoi“ hieß es bei den „Dolaflitzern“ vom FC Bargau, die sich aus dem Kanal gewagt hatten. Alemannisch zog die Igginger Fasnetsgemeinschaft vorüber, brasilianisch und höchst prächtig mit üppigem Federschmuck folgte das „Schwoba-Gwiddr“ aus Oberkochen - eine phantastisch gewandete Guggenmusik. In Unterwasserwelten zog das Tauchteam mit seinen „Schießtalpiraten“, die Fußballer vom TSB traten als Torjäger an und genossen schon einmal einen WM-Vorgeschmack mit „You’ll never walk alone“. Zum Schluss wurde nochmals rhythmisch eingeheizt: Auf den Helmen des Feuerwehr-Spielmannszugs aus Aalen loderten die Flammen.

Witzige Ideen, tolle Kostüme, Prinzengarden, Hexen, Guggen und die ganz alten Masken

  Mittwoch, 17. Februar 2010

Bunt, lang und von der Sonne verwöhnt – so stellte sich gestern der traditionelle Gmünder Fasnetsumzug dar. Knapp 80 Zugnummern sorgten dafür, dass der Gaudiwurm fast zwei Stunden lang am Publikum vorbeirollte.

SCHWÄBISCH GMÜND (ml/bt). Eröffnet hatten die punkigen „Stäära Gugga“ aus Donzdorf den Zug. Ob die dahinter marschierenden, weiß-rot gelockten Silberglöckle des AGV 55 wohl auf die modernen Frisuren neidisch waren? Gewohnt dezent verhielt sich das Silbermännle auf seinem großen Wagen und grüßte huldvoll in die Menge. Das ganze wilde Gegenteil war dann die 1. Gmünder Narrenzunft „Rudo der Hölltalschütz“. Dass die Schützen gut sind, war am mitgeführten Jagderfolg zu erkennen: Einer über einen Ast gebundene Wildsau.
Die Delegation aus Bartholomä wurde von den rotflammenden Bäraberg-Schiddlern angeführt. Bei deren Guggenmusik fühlten sich die Albuch-Hexen dahinter sichtlich wohl. Eine große Gruppe hatten wie gewohnt die Mögglinger Remsgöckel aufgeboten. Mit ihrem Präsidenten Eberhard Bär an der Spitze kamen „Crazy Chicken“, Bracken, Einradfahrer und die sangesfreudige Besatzung eines Bier-Schankwagens. Nicht fehlen durfte der bekannte große Festwagen mit dem kunterbunden, nickenden Gockel, auf dem Prinzenpaar und Hofstaat Platz genommen hatten, während das Zugfahrzeug mit dem Kinderprinzenpaar besetzt war.
Die Guggenmusik Gmendr Altstadtfägr präsentierte ihre neuen Kostüme, ehe die Verbandshauptschule Mutlangen dafür gelobt wurde, dass sie als einzige Schule weit und breit einen Beitrag lieferte. Die Spraitbacher Landeier wollten den Tunnel sehen, gefolgt von den Waldhäusles-Hexa aus Sirnau. „Den Mars erobern ist nicht schwer“, stellten die Wäschgölten auf ihrem Motivwagen fest, bei dem eine riesige Astronautin einen kleinen Kollegen in die Wäschgölt steckte. Schön auch die Heubacher Schlosshexen, der sehr bunte 1. Musikverein Gmünd und die fleißigen Bienchen vom TSV Großdeinbach.
„Wo ist denn der Wassergeist?“ So ganz schlüssig ließ sich diese Frage nicht beantworten; in der Gruppe der Hölzertal-Hexen Magstadt ließen sich nur Hexen nicht aber deren wässriger Widerpart ausmachen. Die Hexen freilich hatten’s in sich. Überhaupt folgten nun Hexen- und Maskengruppen, wie sie von der alten schwäbischen Dorffasnet bekannt sind - Butzen und Kiebele und wie sie alle heißen, erfahren eine Renaissance, und jedes Jahr werden sie mehr und wirken lebendiger. Freude machen die Ostalb-Ruassgugga mit ihrem „Glück auf, der Steiger kommt“-Motto; ein richtig gelungenes Kostüm; Anklänge an den tiefen Stollen sind weder zufällig noch unbeabsichtigt. Mit die rührigsten Narren im Gmünder Raum sind die Untergröninger - auch wenn der scharfzüngigen Bierappel und ihrem Gefolge am Umzugstag der Dauerstress der närrischen Tage allmählich anzusehen ist. Für die Herlikofer gab’s traditionell ein herzliches Willkommen, und, mal ehrlich, ST Lombaglomb Donzdorf spielt in einer anderen Narrenliga: Heuer wurde eine riesige Wiege durch Gmünd geschaukelt, samt einem auf Wolken träumenden Sandmännchen. „Schon über 50 Jahr in Folge schwebt das Sandmännchen auf seiner Wolke. Drum liebe Narren gebt fein acht, vielleicht hat es euch etwas mitgebracht.“ Oh ja, hat es. Nicht erst seit dem Musical „Wicked“ sind die grasgrünen Wißgoldinger Stuifa-Hexa ein Publikums-Favorit. Die Damen platzen vor Temperament und Lebensfreude, die Leute lieben sie. Ganz neu in der Favoritenrolle waren heuer die Jungs des TV Straßdorf, die ihr rosafarbenes Geisterjägermobil ebenfalls derart ausgelassen und ansteckend gut gelaunt durch Gmünd rockten, dass ihnen die Herzen nur so zuflogen. Ihr „Wilsch a Schoglädle?“ sicherte ihnen zudem eine kleine Fangemeinde, die sie über weite Strecken begleitete. Überhaupt die Süßigkeiten: Wer seine Sammlertätigkeit ernst nimmt und sich nicht ablenken lässt schafft es, wie ein paar Steppkes am Sebaldplatz, gegen Ende des Umzugs eine prall gefüllte Tüte vorzuweisen. Hauptsache nix verkommen lassen.


in: Rems-Zeitung Schwäbisch Gmünd



Veröffentlicht am
12:36:24 17.02.2010


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